Weinreise Rebublik Moldau: was für ein Wahnsinn!

Es hätte Alles so perfekt werden können – doch dann begann am Donnerstag, 24. Februar 2022 frühmorgens mit den ersten Bomben-Detonationen dieser unsäglich leidvolle Irrsinn in der Ukraine…
Spätestens jetzt kommt die Frage auf: und was hat das mit einer Weinreise noch Moldova zu tun? Und spätestens jetzt muss ich vorwarnen: der Text wird länger….
TIPP: wer erst mal Bilder schauen möchte – ganz nach unten scrollen, dort sind drei Bilder-Galerien ;-)

Die Idee: die wirtschaftliche Selbstständigkeit der Republik Moldau stärken.

Das Projekt ‘Ready4Winexp’ wird von der Europäischen Union finanziert. Sinn & Zweck ist es, mit ausgewählten Maßnahmen Weinproduzenten aus der Republik Moldau und Weinhändler aus Deutschland zu vernetzen, um so mögliche zukünftige Absatzmärkte zu erschließen. Das Projekt startete im November 2021 mit der Auswahl von 12 Weingütern der Republik Moldau sowie 12 Importeuren unterschiedlicher Größe/ Marktausrichtung aus Deutschland. Abschluss finden soll(te) das Projekt im Mai 2022 zur Prowein in Düsseldorf, als wichtiger Meilenstein geplant war eine Händler-/ Importeurreise vom 22. bis 24. Februar 2022 in die Hauptstadt Chișinău.
Die Projektbegleitung hat die EU dabei in italienische Hände gegeben: die italienische Handelskammer in der Republik Moldova leistet schon seit einigen Jahren Pionierarbeit und greift für dieses Projekt auf die Unterstützung der KollegInnen der ‘Italienischen Handelskammer für Deutschland’ zurück.

Meine Motivation zur Teilnahme als interessierter Händler:

Hatte ich eine Ahnung von Weinen aus der Republik Moldau? Jein. Meine erste Erfahrung mit Weinen aus diesem Weinland hatte ich Ende der 1990er Jahre. Zu dieser Zeit kamen die ersten moldauischen Produzenten auf die Prowein nach Düsseldorf. Die Weine: blanker Horror. Alle Weinfehler dieser Welt vereint an einem Stand. Unfassbar. Aceton, flüchtige Säure, Essigstich, brauner Bruch usw. usw. Dazu eine pappendende, undefinierbare Süße… Das war also der status quo einer Ex-Sowjetrepublik, die sich erst einige Jahre zuvor mühevoll in die (politische) Unabhängigkeit gewagt hatte. Weintechnisch und vom Absatzmarkt her war Moldova jedoch zu diesem Zeitpunkt immer noch ganz eng mit der Ex-Sowjetunion/ Russland verbunden.
Warum fährt man dann trotzdem hin? Fast 25 Jahre sind eine lange Zeit, da kann sich viel entwickeln. Gesellschaftlich. Politisch. Vinologisch. Betrachten wir im Vergleich doch nur, welche Entwicklung der deutsche Wein in den letzten 25 Jahren an den Tag gelegt hat. Oder Weine aus Sizilien. Aus dem Languedoc. Aus Jumilla oder La Mancha. Ergo: jeder hat mindestens eine 2. Chance verdient! Eine weitere Motivation: autochthone Rebsorten! Mein und das Interesse der Kundschaft an heimischen, regionalen Rebsorten ist ungebrochen. Und da hat die Republik Moldau Einiges zu bieten. Nicht zuletzt die Lust auf eine mir unbekannte Region fernab von Burgund, Toskana, Österreich oder Deutschland. Wie werden dort Weinstile interpretiert? Wie sind die Böden? Was machen die Menschen aus ihrer Historie, den Böden und den Rebsorten? Oder simpel abgekürzt: pure Neugier!

Die Vorbereitung:

Natürlich bin ich nicht vollkommen unvorbereitet nach Moldova gereist. Mit hartnäckiger Recherche und geschickter Suche findet man schon so manch eine Information über dieses kleine Land, geografisch gelegen zwischen der Ukraine im Osten und Rumänien im Westen. Nicht alles ist redaktionell top aktuell, was man an Info auf verschiedenen Seiten im ‘Netz’ so findet, dazu scheint Moldau in den letzten 3-5 Jahren zu dynamisch und von großen Umbrüchen geprägt. Ich nehme Sie im Folgenden kurz mit auf eine Reise zu den ‘Basics’ – ohne die Gewähr für mögliche Fehler im Detail:

Die Republik Moldau:

Der Binnenstaat zwischen Rumänien im Westen und der Ukraine im Osten ist annähernd so groß wie unser Bundesland Nordrhein-Westfalen. Während bei uns nahezu 18 Mio. Bürger ihr zu Hause haben, ist Moldova nur mit knapp 2,6 Mio. Einwohnern besiedelt. Tendenz seit Jahren: sinkend… Wie in anderen osteuropäischen Ländern auch, sind die wirtschaftlichen Perspektiven ungewiss, es locken Jobs im Ausland, die Jugend wandert ab und aus.
Moldau, Republik Moldau, Moldova, Moldawien – es werden die unterschiedlichsten Bezeichnungen für dieses Land verwendet. Vor-Ort hatte ich den Eindruck, dass den Menschen der Begriff ‘Republik Moldau’ recht wichtig erscheint.
Am 27. August 1991 unterzeichnete diese Ex-Republik der UdSSR ihre Unabhängigskeitserklärung. 1992 kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit von ethnischen Minderheiten bewohnten Gebieten. Während der Konflikt mit der Region Gaugasien (Südwesten) dauerhaft befriedet werden konnte, ist der Konflikt mit dem pro-russischen Transnistrien, im Osten an der Grenze zur Ukraine gelegen, offiziell nur eingefroren. Transnistrien hat sich zwar unabhängig erklärt, wird aber offiziell nur von Russland anerkannt. Russland hat dort immer schon einen kleinen Teil (ca. 1500 Mann) seiner Streitkräfte stationiert. Aus diesem Grunde sieht man in den aktuellen Karten/ Auflistungen zu Standorten der russischen Streitkräfte im Ukraine-Konflikt auch häufig diese Streitkräfte an der Westgrenze der Ukraine.
(Tipp: ein sehr informativer Bericht des ‘Weltspiegel’ über Transnistrien findet sich hier bei youtube).
Geografisch und geopolitisch steht die Republik Moldau somit im Spannungsfeld: im Westen die EU mit der Grenze zu Rumänien; im Norden, Osten und auch im Süden ist der direkte Grenznachbar die Ukraine, unterbrochen vom pro-russischen Landstreifen ‘Trans-Nistrien’ (= ‘rechtes Ufer des Flusses Dnestr’).
Kein Wunder, dass aufgrund dieser geopolitischen Situation aktuell in Politik und Bevölkerung alle Alarmglocken schrillen…

Eine Republik im Aufbruch:

Moldova galt und gilt als ‘Armenhaus’ Europas. Es gibt dort keine nennenswerte Industrie, die westlich benachbarte Grenzregion Rumäniens ist ebenfalls wirtschaftlich angeschlagen. Zudem verfügt Moldawien über keinen direkten Anschluss an das Schwarze Meer, sieht man mal von den 430 Flussmetern an der Donau im Ort Giurgiulești ab, von wo aus Fracht via eines kleinen privatwirtschaftlichen Freihafens in die Welt gelangen kann. So wie uns die Winzer erzählten, ist das wirklich relevante Tor in die internationale Welt der Logistik jedoch die ukrainische Hafenstadt Odessa. Von dort wird Wein nach Südkorea, nach Japan, nach Kanada und die USA, in den Mittelmeerraum etc. exportiert. Aufgrund der aktuellen Kriegssituation könnte möglicherweise der kleine Donau-Hafen eine rettende Alternative werden; dieses worst-case Szenario möchte sich aber Niemand wirklich vorstellen.
Recherchiert man im Internet zur Republik Moldau, finden sich viele ältere Berichte, die von Instabilität und Korruption zeugen. Es scheint vielen post-sowjetischen Republiken gemeinsam, dass die Findungsphase nach der Auflösung der Sowjetunion nicht immer idealtypisch (nach unserer westlichen Vorstellung) verlaufen ist. Einen wirklichen ‘turn-around’ scheint es meiner Interpretation nach jedoch im Jahre 2020 durch die Wahl von Maia Sandu zur Präsidentin der Republik Moldau gegeben zu haben. Die Volkswirtin und ehemalige Weltbank-Mitarbeiterin ist unermüdlich unterwegs das Land ‘fit’ zu machen, um auf dem Weltmarkt zukünftig bestehen zu können. Zweifellos heikel der geopolitische Status der Republik: auf der einen Seite der ungelöste Konflikt mit Transnistrien/ Einfluss von Russland, andererseits die wirtschaftliche Orientierung Richtung Westen um neue und dauerhafte Absatzmärkte zu erschliessen. Aktuell (Stand 3. März 2022) hat Moldau wie auch Georgien und die Ukraine eine Art ‘Notfallprüfung’ für einen EU-Beitritt beantragt. Unter vorgehaltener Hand ist die größte Sorge: wenn die Ukraine fällt, fällt auch der Traum von Moldau.

Der Weinbau in Moldova:

Das kleine Land verfügt mit ca. 128.000 Hektar über mehr Rebfläche als die gesamte deutsche Anbaufläche. Das muss man erst einmal sacken lassen! Genauso wie die Ukraine die ‘Kornkammer’ am Schwarzen Meer ist, so war Moldova der ‘Rebgarten’ der Sowjetunion. Billig und süß, so hatte der Wein zu sein. Zu Spitzenzeiten waren 235.000 Hektar mit Weinreben bestockt, wobei es strenge Vorgaben gab, welche Rebsorten zu verwenden waren. So sollte bspw. die Sorte ‘Riton’ die Grundversorgung für den Weinbrand sicherstellen. Auf Flaschen wurde Wein selten gefüllt  Noch heute zeugen die großen Stahltanks in den unterirdischen Kellern von Betrieben wie bspw. Cricova oder Milestii Mici von dieser Zeit. Als sogenannte ‘lose Ware’ ging der Wein in die großen Städte der Sowjetrepubliken und wurde dort -ohne jeglichen Anspruch auf Herkunft oder Typizität- mit den Weinen aus anderen Anbaugebieten wie Georgien, Rumänien, Bulgarien etc. verschnitten.
Auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war das Land noch tapfer in der Mission ‘süß & fehlerhaft’ unterwegs. Der Export nach Russland florierte weiterhin. Und man glaubt es kaum: der Mann, der Moldau schließlich auf das richtige Gleis Richtung Qualitätswein gesetzt hat, war ausgerechnet (und unfreiwillig) Putin. Als Reaktion auf die pro-westliche Ausrichtung wurde nach dem ersten Embargo 2005 ab dem Jahr 2013 ein weiteres, umfangreiches Embargo auf nahezu alle landwirtschaftlichen Produkte erlassen. In der Konsequenz sank der Export nach Russland von ursprünglich 70% auf 2% ab – für ein armes Land eine de-facto Katastrophe! Heute sind nicht wenige Winzer im Nachhinein dankbar: eine nie dagewesene Qualitätsoffensive sorgte dafür, dass der Weinbau in Moldawien innerhalb von 10 Jahren internationales Topp-Niveau erreicht hat. Die Devise war klar: wir müssen mindestens so gut sein wie die Franzosen, die Spanier oder Italiener, um auf dem Weltmarkt wahr genommen zu werden. Und, nein, man will nicht mehr der ‘Billig’-Lieferant aus sowjetischen Zeiten sein. Im Übrigen war/ist eine vergleichbare Entwicklung u.a. im Nachbarland Rumänien zu beobachten. Die Flucht unserer Reisegruppe nach den Ereignissen des 24. Februar Richtung Rumänien und der damit verbundene Zwangsaufenthalt in der Stadt Iasi wurde mit grandiosen Weinen aus den Regionen Moldova und Transylvanien belohnt!

Weinbaugebiete, Geographie und Rebsorten:

Weinbau im Osten – geht das überhaupt? Natürlich, die klimatischen und geologischen Bedingungen sind geradezu ideal. Die 4 geschützten, auch von der EU anerkannten  Anbaugebiete in der Republik Moldau liegen auf einem Breitengrad wie bspw. das Burgund oder so renommierte italienische Anbauzonen wie Südtirol, das Veneto oder Friaul. Das Klima ist kontinental geprägt, mit Wintermonaten unter null Grad, aber ohne extreme Fröste. Die rumänischen Karpaten (bis 2500m hoch) schirmen hier extremen polaren Einfluss ab. Die Nähe zum Schwarzen Meer sorgt für gemäßigte Temperaturen, wobei die Sommer durchaus warm und heiss werden können und bis in die Weinlese andauern. Regelmäßige Niederschläge sorgen für eine gute Wasserversorgung, ohne jedoch in wirklich ‘nasse Perioden’ mit Pilzdruck auszuarten. Von den gigantischen 235.000 Hektar zu Sowjetzeiten ist aktuell nur noch gut die Hälfte bestockt. Ca. 100 Betriebe betreiben selber aktiv Weinbau bzw. vinifizieren die Trauben von Landwirten. Es gibt drei Anbaugebiete, samt und sonders geschützte Herkunftsbezeichnungen (IGP) plus den Sonderfall ‘Divin’:

Codru: rund um die Hauptstadt Chișinău; hier sind rund 60% der Weinbaubetriebe angesiedelt,
Stefan Voda: im Südosten an der Grenze zur Ukraine, ca. 70-80 km von der Hauptstadt Chișinău entfernt,
Valul lui Traian: im Südwesten, an der Grenze zu Rumänien,
Divin: im Grunde genommen keine eigene Anbauregion, vielmehr eine geschützte Herkunftsbezeichnung für die famosen Weinbrand-Destillate aus dem Weinland Moldau. Bereits die ‘Einstiegs-Liga’ muss mindestes 3 Jahre im Fass gelagert sein. An der Spitze finden sich die Brände, die mindestens 20 Jahre gelagert wurden.

Leider war es uns nach den dramatischen Ereignissen vom 24. Februar nicht mehr möglich (mit Ausnahme der Gegend Codru) die einzelnen Gebiete vor Ort zu besuchen. In den Verkostungen hat sich für meinen Geschmack jedoch sensorisch zwischen den einzelnen Gebieten kein so extrem großer Unterschied gezeigt. Nicht zuletzt gibt es auch größere Betriebe wie Radacini (1000 Hektar!) und Bostavan (960 Hektar), die eher auf die Rebsorten denn auf die Herkunft fokussieren. Zudem sind Anbaugebiete direkt aneinander liegend und die Bodenstrukturen sehr ähnlich. Möglicherweise wird dies aber ein Projekt der Zukunft, besondere Crù- oder Einzellagen zu definieren.

Schwarzerde und Schwarze Mädchentraube:

Schwarzerde als Bodenform ist typisch für Steppengebiete mit kalten Wintern und warmen Sommern. Man findet diese Böden u.a. in der ungarischen Pustza, in Rumänien, Kasachstan, der Mongolei, Russland, Ukraine – und auch in Moldau. Die Böden sind dabei sehr nährstoffreich, stark mit Mikrolebewesen besiedelt, verfügen über eine gute Wasserleitfähigkeit und sind leicht erwärmbar. Unter dieser sehr nährstoffhaltigen Schicht finden wir in Moldau massiven Kalkstein, welcher die tief wurzelnden Reben mit Mineralstoffen versorgt.
So wie die benachbarte Ukraine aufgrund der tollen Böden als die ‘Kornkammer’ am Schwarzen Meer gilt, so war/ ist die Region Moldau der ‘Rebgarten’.
Die Varietät der Rebsorten ist hierbei erfreulich übersichtlich. ‘International’ sind u.a. Chardonnay, Sauvignon Blanc und Riesling (der Echte!) bei den weissen Sorten am Start; rot und international sind u.a. Cabernet, Merlot und Pinot Noir. Diese Rebsorten wurden bereits nach der Reblauskatastrophe im 19. Jahrhundert heimisch, da sie die ersten verfügbaren Sorten auf resistenter amerikanischer Unterlagsrebe waren.
Bei den autochthonen Rebsorten ist das Spektrum auch sehr übersichtlich gegliedert: Feteasca in den Varianten Alba (=weiss) und Regala (=königlich) sowie die ‘Neuzüchtung’ (1969) Viorica. Bei den roten Sorten sind Feteasca Neagra (‘Schwarze Mädchentraube’), Rara Neagra (rara=’selten’) und Saperavi die Platzhirsche. Zu Saperavi schreiben Viele, dass diese Sorte aus Georgien stamme und in die Region Moldau ‘importiert’ wurde. Hiermit ist Winzer Ion Luca von ‘Cape Diem’ nicht komplett einverstanden. Sein Argument: bereits vor ca. 5-6000 Jahren hat Weinbau in der Region stattgefunden. War diese Sorte womöglich sogar zuerst hier heimisch? Oder zeitgleich in den Regionen am Schwarzen Meer? Ich gebe Ion Recht: nur weil wir das Narrativ ‘alle historischen Sorten kommen aus Georgien/ dem Kaukasus’ munter und fleißig bedienen, muss es ja nicht stimmen. Sei’s drum: Saperavi ist eine ‘coole’ Sorte, die mich sehr an Pinot Noir oder auch Nebbiolo erinnert. Aber Vorsicht: da können wuchtige Gerbstoffe mit am Start sein. Überwiegend fanden wir Saperavi als Blend/ Cuvée mit anderen Rebsorten absolut überzeugend. Selbst gegenüber Cabernet oder Merlot zieht diese Rebsorte niemals den Kürzeren, sondern drückt mit ihrem würzigen Tannin und der Säure ihren Stempel auf.

Die Reise…

Im Nachhinein ist man immer klüger: wenn eine riesige Armee von 200.000 Soldaten das Nachbarland Ukraine in frostigen Wintertemperaturen seit Wochen und Monaten ‘umkreist’, Truppen unmittelbar an den Grenzen stationiert, ja dann sollte man evt. nicht von einem ‘Manöver’ ausgehen. Kurz vor Abreise hatte ich für mich entschieden, mit meiner Teilnahme auch ein Statement zu setzen: für Freiheit, gegen Angst und Einschüchterung. Zumal es keinerlei Hinweise oder Warnungen seitens des Auswärtigen Amtes gab. Nicht nur für Moldau nicht, auch nicht für den westlichen oder zentralen Teil der Ukraine. Wie eingangs erwähnt: im Nachhinein ist man klüger…
Anreise mit dem ICE von Siegburg nach Frankfurt. 150 Kilometer Distanz in etwas über 30 Minuten – das ist schon ein wirklicher Luxus! Nochmals 30 Minuten (!) Fußweg im Frankfurt Airport zum Gate – und direkt mit einer guten Tat in den Tag gestartet: auf die Nachfrage am Check-in, ob es Freiwillige gäbe, die ihr Handgepäck aufgeben möchten um die Gepäcksituation im Flieger zu entlasten, waren ich und mein Kollege natürlich wieder die guten Engel. Um es vorweg zu nehmen: unser Gepäck flog ‘natürlich’ nicht mit uns…
In Wien idyllisch über den Neusiedler See eingeflogen, was natürlich unweigerlich für Stimmung auf Wein sorgt. Zum Glück hatten wir am Airport Zeit für ein Glas Blaufränkisch Rosé von Pia Strehn aus Deutschkreutz – absolut tippi-toppi.
Beim Weiterflug nach Chişinău wähnten wir Wahnwitzigen noch unsere Koffer im Flieger und genossen die Aussicht. Gefühlt hört jedoch hinter Budapest die Besiedelung auf. Nur Wälder, Berge, Gipfel mit Schnee, hier und da mal ein Tal – und das Ganze wieder von vorn… Irgendwo in der Luft sind wir dann auch in eine neue Zeitzone (+1 Stunde) geflogen, so dass wir bei der Landung am International Airport von Chişinău 2,5h Stunden Flugzeit auf der Uhr hatten. Dafür ist der Flug gen Westen natürlich rechnerisch wieder kürzer. Braucht man an dieser Stelle nicht zu verstehen, wir haben es auch nicht…
Im Airport dann sofort die push-Nachricht der ‘Austrian’ auf’s Handy ‘unfortunatly your luggage was not sent’. Und was soll ich sagen: diese Nachricht wurde am leeren Gepäckband zu 100% bestätigt! Während ich 10-15 Minuten das laufende, aber leere Gepäckband anstarrte, hatte mein Kollege Stephan noch immer nicht die Passportkontrolle passiert. Meines Erachtens war die junge Dame mehr an Stephan’s Telefonnummer wie an der Sicherheit für ihr Land interessiert. Stephan hingegen behauptete steif und fest, ausschließlich für eine Weinmesse einzureisen. In diesen 15 Minuten Verhör brauchte er auf keinen Fall Sorge zu haben, seinen Koffer im Laufband zu verpassen…
Mit der netten Dame am lost-and-found Schalter hatten wir aufgrund eines sprachlichen Missverständnisses mächtig Spass. Ich würde mich nicht wundern, wenn die Dame immer noch lachend auf ihrem Schreibtisch liegt. Von ihr hatten wir jedenfalls sofort die Handynummer und die Zusicherung ‘morgen, 13:00 Uhr habt ihr euer Gepäck!’. Um es abzukürzen: auf die Frau war absolut Verlass!
Mit dem Kleinbus ging’s die ca. 30 Kilometer rein nach Chişinău, der Hauptstadt der Republik Moldau mit ihren knapp einer halben Million EinwohnerInnen. Die Strassen: nun ja. Der erste Eindruck: Metro Cash & Carry ist auch schon da! Dann sehr viel triste post-sowjetische Architektur. Es dämmert, das Grau wird somit noch grauer. Kein Koffer, keine schönen Ausblicke – erste Tristesse macht sich breit.
Im Hotel erübrigte sich für Stephan und mich aus bekannten Gründen das Kofferschleppen. Zimmer top, alle sprechen Englisch, alle super freundlich!
Nach dem Sitzen im Flieger und dem ersten Eindruck ‘Metro Cash & Carry’ wollten wir sicher gehen, dass Chişinău nicht doch noch mehr zu bieten hat. Da wir zentrumsnah übernachte, waren es nur wenige Minuten bis zum Nationalmuseum, dem Regierungsgebäude, dem Triumphbogen, dem ‘Central Park’ mit Monumenten von ‘Stefan dem Großen’ (1433-1504). Teilweise wunderschön renovierte Architektur, teilweise noch viele herrschaftliche Gebäude, die auf eine Renovierung warten. Die Stimmung in der Stadt: keine Hektik, alle sehr ruhig und diszipliniert. Keinerlei Schmutz wie Zigarettenkippen, Kaugummi, Pastikmüll o.ä. zu sehen. Betritt man auf einer dreispurigen Strasse auch nur mit dem dicken Zeh den Zebrastreifen, halten sämtliche Fahrzeuge sofort an. Ohne Murren, ohne Hupen. Die Stadt wird von Minute zu Minute sympathischer und zieht uns irgendwie in ihren Bann. Nach dem ersten sight-seeing zurück ins Hotel zum Abendessen.
Stephan und ich konnten uns das Kleiderwechseln ja aus bekannten Gründen sparen, daher direkt notfallmäßig in der Bar zwei lokale Bier ‘Chişinău Blonda’ (sehr lecker!) zur Erfrischung getrunken. Beim Abendessen dann die allgemeine Erkenntnis ‘ah, in der ‘Metro’ wird eingekauft!’ Zum Glück die ersten Weine auf dem Tisch, die garantiert nicht das Prädikat ‘cash & carry’ tragen: ein reinsortiger Saperavi 2018 von Gitana (kernig, zupackend, straffe Säure, die 14,5% Alk. sehr gut ‘versteckt’) und als Steigerung vom gleichen Weingut den ‘Lupi Rezerva’, ein Blend aus Cabernet, Merlot und Saperavi. So, jetzt wissen wir schon mal wo der Hammer hängt: das ist großes Kino, das ist internationales Topp-Niveau. Wir blicken voller Neugier & Erwartung auf das Meeting mit den Winzern am folgenden Tag 2!

Tag 2 – es beginnt sehr trocken…

Der zweite Tag begann für uns zunächst mit einer Überraschung. Üblicherweise ist der Austausch mit einem Winzer immer ein Mix aus Infos, small-talk und dem praktischen Verkosten der Weine. Die Organisatoren in Moldau hatten jedoch ein anderes Konzept: eine Art 20-minütiges Speed-Dating, wo es rein um ‘Theorie’ ging. Der Winzer/ die Winzerin stellte dem jeweils zugeteilten Händler/ der Händlerin das Weingut vor, erzählte etwas über die angebauten Rebsorten – und schon ging’s weiter ins nächste Meeting. Spätestens nach dem 3. ‘date’ war jedem von uns Importeuren/ Händlern klar, dass Feteasca Alba, Viorica, Rara negra etc. angebaut wird, aber wie diese Sorte überhaupt schmeckt bzw. wie der jeweilige Betrieb sie interpretiert: Fehlanzeige. Dies zudem in einem viel zu kleinen Konferenzraum, mit einem lauten, mehrsprachigen Stimmengewirr und einem Terminplan, der bereits nach dem 3. ‘Date’ obsolet wurde. Man könnte unsere Stimmung anfangs noch als ‘überrascht’ bezeichnen, später überwiegte Ratlosigkeit und Frustration. Vollkommen unverständlich zudem, dass wir nach Abschluss dieser ‘dates’ einen Fragebogen ausfüllen sollten, wie wir die Präsentation, die Produkte und das Weingut fanden, und ob wir an geschäftlichen Beziehungen mit dem entsprechenden Weingut interessiert seien. Kein Wein probiert, keine Produkt- und Preisliste. Seltsam.
Das high-light bisher an diesem Vormittag war ganz klar: die tatsächliche Ankunft unserer Koffer!
Nach dem Mittagessen (und frischen Klamotten) noch mal schnell in die Stadt um die Atmosphäre im ‘Central Park’ bei Tageslicht aufsaugen. Der erste Eindruck ‘die Stadt und ihre Menschen hat was!’ bestätigt sich immer mehr. In mir kommt der Wunsch hoch, hier nochmals im Sommer mit meiner Frau hin zu reisen.

Irgendwann wird’s endlich feucht…

Nach dem Durchlüften sollte endlich das high-light erfolgen: das Verkosten der Weine der 12 anwesenden Betriebe! Womit wir nicht gerechnet hatten: wir scheinen wichtiger, als wir geahnt haben: es folgt zunächst ein Grußwort nach dem Anderen. Regierungsvertreter, Vertreter der Handelskammer, Repräsentanten, Weinbauverband.
Die Uhr tickt. Es bleiben theoretisch nur noch 2 Stunden um die Weine von 12 Betrieben zu verkosten. Es läuft unweigerlich auf ein speed-tasting hinaus. Ich schaffe ungefähr 30-40 Weine zu verkosten, ohne jedoch wirklich Zeit & Muße für eine faire Bewertung oder 2. Verkostung zu haben. Auch der Austausch unter den KollegInnen über die Weine ist leider nur rudimentär möglich, wir Alle versuchen irgendwie hastig soviele Eindrücke wie möglich zu gewinnen und zu notieren.

Überraschend gut!

Meine Eindrücke sind sicherlich mit Vorsicht zu geniessen, jedoch hat auch der anschliessende Austausch mit den KollegInnen das folgende Bild ergeben:

Viorica: diese weiße Rebsorte ist sehr aromatisch und erinnert an Gewürztraminer und Moscato d’Alessandria. Die teilnehmenden Betriebe bauen die Rebsorte unisono trocken aus, und für mich passen dabei häufig Nase und Mund nicht zusammen. Als Deutsche haben wir ja eher einen nicht komplett ablehnendes Verhältnis zur Restsüße (bspw. Riesling Kabinett, Scheurebe feinherb), so dass ich mir hier durchaus auch mal 8-15g Restzucker vorstellen könnte. Das Viorica auch recht dominant sein kann bzw. ist, zeigt sie, wenn sie als Cuvée verschnitten wird: in der Regel stellt sich hier keine absolute Harmonie ein. Die besten reinsortigen Exemplare hingegen überzeugen mit ihrer schönen Frische und der elegant puffernden Säure. Liebe Winzer: ich weiss, ihr möchtet euch von der ‘restsüßen Erblast’ aus Sowjetzeiten befreien, aber die Bitterstoffe und die Säure der Viorica sind nach meinem Geschmack ideal, um etwas Restsüße galant zu tragen. Nur Mut!

Feteasca Alba und Feteasca Regala: die ‘weisse’ und die ‘königliche Mädchentraube’. Die ‘Königliche’ hat mich mehrfach an unsere Scheurebe erinnert, die besten Exemplare mit einer schönen Grasigkeit um die Fruchtfülle elegant zu puffern. Die ‘Weisse’ kann hingegen manchmal recht eindimensional fruchtig/ blumig sein. Generell scheint die Aromenausbeute in Moldau mitnichten das Problem zu sein. Lange Reifezyklen und perfekte Bedingungen im Sommer/ Herbst scheinen Standard zu sein. Wegweisend fand ich von Ion Luca/ Carpe Diem den Blend aus beiden Rebsorten: das passt perfekt!

Internationale Sorten: Chardonnay und Sauvignon Blanc durch die Bank blitzsauber. Nicht sehr expressiv vinifiziert, niemals ‘overdosed’ oder fett. Häufig hatte ich den Eindruck, dass hier auch italienische Önologen mit ihrem Know-how unterstützend am Start sind. Einige Weingüter hatten auch ‘unseren’ Riesling mit im Portfolio. Sehr interessant, weniger aromatisch vinifiziert wie in Deutschland. Der 2019er von Milcestii Mici war herrlich ‘old-fashioned’ und erinnerte mich an einen Kabi. Weniger süß, dafür herrliche Cremigkeit.

Der Exot: Milestii Mici, einer der staatlichen Betriebe, hatte dann auch etwas ganz Besonderes zu bieten. Ob man es abstrus, total gaga oder grenzenlos mutig findet – die Meinung unter den KollegInnen ging da weit auseinander. Ich bin in der Fraktion ‘alle 3 Atrribute auf einmal!’ anzusiedeln.
In seiner langen Historie war diese Kellerei ebenfalls Lieferant von Fasswein in die UdSSR. Die Kellerei, seit dem Jahre 2005 ‘Nationales Kulturerbe’, befindet sich in einem ehemaligen Kalkbergwerk und verfügt über ein Tunnelnetz von insgesamt 200 km, von denen aktuell ca. 55 km genutzt werden. Zwischen 1,5 und 2 Millionen Flaschen sollen dort bei 15° Cel. und 90% Luftfeuchtigkeit gelagert sein. Neben den Flaschen gibt es noch unzählige riesige Stahltanks – welche zum Teil noch spundvoll sind. Hört sich vielleicht noch nicht ganz so spektakulär an. Wenn ich aber jetzt eröffne, dass dort unter anderem noch Gewürztraminer aus dem Jahrgang 1988 (!!!!) gelagert war, welcher gerade erst im Januar 2022 (also nach 34 Jahren!) auf die Flasche gefüllt wurde, dann höre ich hier sicherlich die ein-oder-andere Kinnlade klappen, oder?
Bei dem Wein passt natürlich nix zusammen: die Flaschen und die Etiketten sind Stand der Technik Anno 2022. Die Farbe im Glas ist mitnichten 1988, da sind sogar noch leicht grünliche Reflexe zu sehen. Blind würde ich sagen: 2-3 Jahre alt. Die Nase passt dann wieder nicht zur Farbe: da sind schon Reifetöne, wo ich sagen würde ‘5-8 Jahre’. Aber 34 Jahre? Never ever! Im Mund dann feine Eleganz, nicht überladen nicht aufdringlich. Während viele KollegInnen das alles zu kompliziert finden, bin ich vom Wein und vom story-telling her begeistert. Von mir gibt’s standing ovation und der Direktor des Weingutes, Viorel Garaz, lädt uns sofort zu einem Besuch am nächsten Tag ein ;-)

Die roten Sorten:

Internationale Sorten: fangen wir diesmal mit den internationalen Sorten an. Auch die Region Moldau (Rumänien/ Republik Moldau) wurde nicht von der Reblauskatastrophe Ende des 19. Jahrhunderts verschont. Wie in vielen anderen Regionen der Welt, waren zur Rekultivierung zunächst die französischen Sorten wie Cabernet, Merlot und Pinot Noir auf den neuen, resistenten amerikanischen Unterlagsreben verfügbar. Somit finden wir diese auch im moldauischen Weinbau. Mich hat positiv überrascht, dass diese Rebsorten eher sehr dezent und fein interpretiert werden. Persönlich bin ich kein Freund von ‘lauten’ (= dominanten) Noten von Cassis oder Paprika, Efeu etc. Sowohl reinsortig wie auch in den Cuvée habe ich hier aber absoluten Frieden mit den ‘Internationalen’ gefunden.

Feteasca Neagra: die ‘Schwarze Mädchentraube’ reift sehr spät, hat mächtig Zucker, der -so mag man befürchten- in mächtigen Alkohol umgewandelt wird. In der Theorie ja, ja es sind die 14,5% Alkohol fast immer auf dem Etikett. In der Praxis ist dieser Alkohol weder brandig, noch marmeladig. ‘Blind’ wäre ich bei 13% vol. Das Tanningerüst ist präsent, verleiht aber keine Adstringenz, also das trockene Mundgefühl, sondern eher Frische und ist ein wunderbarer Sparringspartner zum Alkohol.
Rara Neagra: In Rumänien nennt man diese Rebsorte ‘Babeasca’ (= Großmutter) Neagra. Sie hat mich ein wenig an Pinot Noir erinnert, schöne Eleganz, dezente Farbe, feine, zurückhaltende Fruchtnoten. Leider war es keine Handvoll Winzer, die diese Rebsorte reinsortig ausbauen. Ich würde hier zu mehr Mut raten, das Potential erscheint mir mehr als viel versprechend.
Saperavi: die meisten Winzer in Moldau berufen sich auf die Herkunft dieser Rebsorte aus dem Kaukasus. Ion Luca/ Carpe Diem ist hier, wie eingangs erwähnt, etwas zurückhaltender. Ungeachtet der historischen Herkunft ist diese Rebsorte etwas ganz Besonderes und schematisch schwer einzuordnen. Die Gerbstoffe erinnern mich an Nebbiolo, die Nase (Gewürze, Oliventapenade ) eher nicht. Die Säure an Pinot Noir, die Farbe eher nicht (tiefdunkel). Richtig gereifte Saperavi habe ich noch nicht getrunken, ich vermute hier ein sehr gutes Alterungspotential. Um die Robustheit der Gerbstoffe zu mildern, hat fast jeder Winzer ein Blend aus Saperavi plus X (autochton/ international) in seiner Top-Range. Und hier habe ich nicht einen einzigen schlechten Wein getrunken; das ist selbst bei den internationalen Sorten niemals anbiedernd, sondern authentisch und nahezu immer outstanding.

Milestii Mici, die Kellerei mit dem grenzenlos-mutig-abstrusen-vollkommen-gaga Gewürztraminer 1988 (s.o.) lässt sich natürlich auch bei den Roten nicht lumpen. In der ‘Collection’ Serie der ‘Negru de Milestii Mici 1986’, Weinlese 1986, abgefüllt 1997. In der Nase wie ein Barolo oder Barbaresco von Bruno Giacosa, im Mund dann eher etwas gezehrt und flach. Viorel sagt, dieser Wein benötigt in der Regel 1 Tag Luft um sich zu entfalten. Ich bin extrem irritiert, neige aber dazu nicht ungläubig den Kopf zu schütteln. Ein komplett anderer Wein-Kosmos im Vergleich zu den anderen, sich ‘modern’ orientierenden Weinbaubetrieben. Die Staatskellereien mit ihren unterirdischen Kellergewölben hatten ursprünglich die Aufgabe, ‘Schatzkammerweine’ selber zu poduzieren bzw. diese international zu sammeln und einzulagern. Grandios, dass diese Tradition neben jungen & frischen Weinen auch weiterhin verfolgt wird!

Heute mal ohne die ‘Metro’

Nach unserem ‘speed-dating’ und dem ‘speed-tasting’ wollten wir endlich mal die authentische moldauische Küche erleben. Daria, eine Weinhändlerin aus Kassel mit moldauischen Wurzeln und die absolut beste Botschafterin für ihr Land, hat uns dann in ein wundervolles Restaurant im Zentrum entführt. Das ‘Taifas’, ein von aussen unscheinbares Kellergewölbe, scheint eine absolute Institution in Chişinău zu sein. Seit 20 Jahren spielt dort jeden Mittwoch ein Quartett live – und wir hatten Glück: es war Mittwoch. Die Kellner mit ernster und souveräner Miene, aber einer Perfektion & Gastfreundschaft wie man sie heute in Deutschland fast nicht mehr findet. Absolut gelernt von der Pike auf. Die Weinkarte: Topp! Die Schnäpse von einer Klarheit, wie ich sie selten erlebt habe. Das Essen ein Traum und derart reichhaltig, dass wir die Reste noch in 2 große Tüten für den kommenden Tag (Besuch der Weingüter) eingepackt haben. Aus einem ‘speed-dating’ wurde noch wunderbarer slow-food Abend…

Tag 3: 5:30 Uhr – die Bomben

Ein wunderbarer Abend wurde in aller Früh böse in einen Albtraum verwandelt: die ersten Bombardements in der Ukraine. Bei uns im Osten war es 5:30 Uhr, beginnender Tag, hier in Deutschland war es 4:30 Uhr MEZ und noch stockdunkel. Die Bombardements zwar weit entfernt, aber deutlich hörbar. Zunächst dachte ich ‘Oh Gott, Odessa’, wahrscheinlich war es aber der Angriff auf die Schlangeninsel im Schwarzen Meer, knappe 100 km Luftlinie entfernt. 3-4 Einschläge, dann Ruhe. Gut 2 Stunden später überschlugen sich nun auch die deutschen Nachrichtenticker. Unfassbar, das nicht für möglich Geglaubte (besser: das sorgsam Verdrängte) ist doch noch eingetreten. Beim Frühstück Ratlosigkeit. Unser Flieger war für 16:00 Uhr ab Chişinău Richtung Wien terminiert. Wir beschlossen regulär aus zu checken, unser Programm zunächst fort zu setzen um dann früh am Flughafen zu sein. Von ‘gesperrtem Luftraum’ wussten wir zu der Zeit noch nichts.
Betretene Stimmung auf dem Weg zum staatlichen Weingut ‘Cricova‘. Auch dieses Weingut verfügt über kilometerlange unterirdische Stollen, die mit Fahrzeugen befahren werden können. Lagertanks, Produktionsstätten (Cricova ist für seine Sekte bekannt), Veranstaltungs- und Konferenzräume, Schatzkammerweine, private Weinkeller. Ein riesiges Labyrinth ungeahnten Ausmaßes. Absolut professionelle Führung, perfekt multi-medial aufgebaut. Wieder am Tageslicht, ploppen die ersten Push-Nachrichten der ‘Austrian’ auf: ‘your flight has been canceled’. Nicht bei Allen, somit ein Funken Rest-Hoffnung. Unsere nächste Etappe ‘Milestii Mici’ (die mit dem 88er Gewürztraminerund und den 200 km Tunnellänge) sagt uns den Besuch ab: die offizielle Begründung lautet Stromausfall. Vermutlich ist es ihnen zu heikel, in der momentan unklaren Situation Gruppen tief in ein Tunnelgewölbe einfahren zu lassen. Daher fahren wir direkt zum kleinen Weingut ‘Carpe Diem‘ von Ion Luca. Ion bewirtschaftet selbst etwas über 10 Hektar, sein Vater hat früher bei ‘Cricova’ in der Produktionsleitung gearbeitet. Ein kleines, feines Weingut, dass Ion mit seiner Familie gerade sukzessive aufbaut. Ion spricht perfekt deutsch, hat in der Nähe von Freiburg in einem badischen Weingut gearbeitet. Wir erkennen diesen wunderbar fröhlichen und dynamischen Menschen im Vergleich zum Vortag nicht mehr wieder: innerhalb von wenigen Stunden ist er um Jahre gealtert. Er ist fix-und-fertig mit den Nerven, versucht uns aber mit übermenschlicher Disziplin und Herzlichkeit zu bewirten. So langsam wird uns die komplette Tragweite bewusst. Telefonate nach Deutschland, Kontakte zur deutschen Botschaft in Moldau. Blick auf die Landkarte. Ich schlage vor, auf dem Landwege Richtung Rumänien um dort evt. einfach 2 Minibusse zu mieten und ab gen Westen. Da der Flughafen in Chişinău gesperrt ist, fahren wir wieder zurück ins Hotel. Unser Busfahrer will mit den Behörden klären, wie er uns nach Rumänien bringen kann.
Im Hotel kommen die ersten Fahrzeuge mit ukrainischem Kennzeichen an. In der Regel Familien mit kleinen Kindern. Wir essen betreten unsere Reste vom grandiosen Vorabend im ‘Taifas’ und laden unsere Handys. Die Gruppe ist super diszipliniert, keine Hysterie, großer Zusammenhalt. Um halb fünf am Nachmittag kommt unser Busfahrer mit sämtlichen Papieren. Wir beschliessen ins 120 Kilometer Iasi zu fahren, die nächste Stadt in der EU mit internationalem Flughafen. Unser Reisebüro in Deutschland hat zur Sicherheit schon ein Hotel gebucht und uns auf die Warteliste für sämtliche Flüge nach London, Istanbul, Dortmund und Bergamo gesetzt. Hauptsache raus!

Tag 3: die Flucht nach Rumänien

Wir verlassen Chişinău in südwestlicher Richtung. Vorbei an einer kleinen Kaserne. Moldau sieht sich eher der Neutralität verpflichtet und verfügt über nahezu keine Militärkräfte. Wie früher im Schulbus, sitzen Stephan und ich auf der letzten Bank; in Anbetracht der Straßenqualität ein strategischer Maximalfehler. Einige dösen, wir hüpfen…
Die E584 führt uns Richtung Hincesti. ‘Europastrasse’, soso. Für die knapp 50 km brauchen wir 1,5h. Vorbei an Weinfeldern, vorbei an Hügellagen. ‘Müsste man mal kartographieren, sind bestimmt ein paar Grand Crù Lagen dabei’, werfe ich vollkommen sinnbefreit in den Bus. Die Anderen haben eher die Sorge, dass an unserem Bus ein Reifen platzt bzw. alle 4 gleichzeitig. Auch die Kollision mit einem Bären scheint hier im Niemandsland mindestens eine Wahrscheinlichkeit von 90% zu haben…
Ab Hincesti steigt die Wahrscheinlichkeit für eine Kollision mit einem Bären aufgrund gleichzeitig 4 geplatzter Reifen auf über 100%. Die R33 scheint das letzte Mal kurz nach dem 2. Weltkrieg in Stand gesetzt worden zu sein. Ich beisse Ober- und Unterkiefer fest aufeinander um alle Plomben zu behalten. Der Busfahrer kennt zumindest jedes 2. Schlagloch um auszuweichen. Mehr kann auch er nicht tun. Ca. 1,5h Stunden keinerlei Zivilisation. Wir kommen auf die E581 Richtung Grenze. Vorsichtig löse ich den Ober- vom Unterkiefer. Bereits vor der Grenze ein kilometerlanger LKW-Stau. Meine Güte, was für ein Leben als Fernfahrer – nur damit wir ‘billig-billig’ just-in-time unsere Waren erhalten. Leichte Scham überfällt mich…

In der Busspur vor uns 3-4 Busse. In der PKW-Spur daneben viele PKW und Kleinbusse mit ukrainischem Kennzeichen. Die Front liegt ja noch ganz weit im Osten/ Nordosten – dennoch scheinen Viele zu ahnen, was in den nächsten Stunden/ Tagen über das Land herein brechen wird. Betretenes Schweigen und endloses Warten. Pässe und Impfnachweise werden kontrolliert. Wir reisen aus.
Die Anspannung will sich noch nicht wirklich lösen: sind wir schon in Rumänien, hat Jemand die Grenze gesehen? In unser ‘EU-Binnenreisen-Komfortzone’ sind wir Grenzübertritte in derartiger Form gar nicht mehr gewohnt. Noch kein Rumänien in Sicht. Wir befinden uns im Niemandsland.
Der nächste Stau erwartet uns: Einreise nach Rumänien. Die Kontrollen sind genau, die Grenzhüter personell nicht auf den abendlichen Andrang eingestellt. Ich möchte mir nicht ausmalen, welche Situationen sich in den folgenden Tagen an diesem kleinen Grenzübergang bei Calmatui abgespielt haben…
Wir sind in Rumänien! Wenn der Netz-Provider dich mit ‘welcome to Romania’ begrüßt, muss es ja wohl stimmen. Kurzzeitig LTE, dann 3G, dann E, dann nix. Vollkommen zu Recht: links und rechts der Nationalstrasse DN 28 gibt es nahezu keine Zivilisation. Überhaupt wird mir jetzt vollkommen klar, dass meine spontane Idee ‘dann mieten wir uns halt 2 Kleinbusse und fahren quer durch Rumänien’ vollkommen realitätsfremd war. Es gibt in Rumänien, zumindest östlich der Karpaten, nahezu keine Autobahnen in dem Sinne, dass dort mehrspurige Fahrstreifen in eine bestimmte Richtung führen! Auf Grund der Topographie ist es für Rumänien -trotz EU-Unterstützung- nicht möglich mal eben die bis zu 2500 Meter hohen Karpaten zu überfahren/ zu durchqueren. Aktuell gibt es im gesamten Land gerade einmal 900 Autobahnkilometer!

Tag 3: Abflug aus Iasi?

Wir nähern uns Iasi und wollen zunächst einmal die Lage am Flughafen prüfen. Am Flughafen finden wir einen Mitarbeiter an der Info und Einen im Kiosk. Ich glaube, ein Polizist war auch da. Sonst nichts. Kein Taxi. Noch nicht mal ein streunender Hund. Laut Display werden am morgigen Tag 4 Flüge abgewickelt. Einer davon nach Wien. Hoffnung.
Zum Glück wartet ein Hotel auf uns. Alle sind platt. Keiner hat mehr Hunger. Das Adrenalin ist immer noch im Körper. In der Minibar Heineken, aber kein Öffner. Manchmal muss man auch Glück im Leben haben.

Tag 4: Eigentlich hätte ich zu Hause sein sollen

In der Nacht heulen die Wölfe. Am nächsten Morgen liegt ein Wolf in der Sonne vor meinem Fenster und döst. Die News aus Deutschland bestätigen: der gestrige Tag war kein böser Traum: Putin ist in die Ukraine einmarschiert. Krieg in Europa. Unvorstellbar.
Weiterhin super Disziplin und Unterstützung in der Gruppe; wir checken aus mit der Option ‘wieder zu kommen’, falls das mit dem Flieger nichts wird. Mittags sind wir wieder im Hotel, die Optionen Wien, Bergamo oder Istanbul waren alle voll gebucht und für uns nicht verfügbar. Am morgigen Samstag schickt die ‘Austrian’ wohl einen größeren Flieger und wir sind fest gebucht.
Mit dem Taxi zurück ins Hotel. Der Taxifahrer spricht etwas Deutsch, war Gastarbeiter in Dortmund. ‘Putin, guter Mann!’ Ceausescu scheint er auch zu verehren, voller Stolz zeigt er auf einen Platz, wo der rumänische Diktator eine Rede gehalten hat. Obwohl er uns seine Rufnummer gibt, um uns gleich wieder in die Stadt zu fahren, verzichten wir. Die rumänischen LEI bekommt er garantiert nicht von uns in sein Portemonnaie.
Der nächste Taxifahrer spricht kein Deutsch, fährt uns aber sicher ins Zentrum von Iasi. Kein Wort über Putin.

Tag 4: Wir bummeln und trinken Wein aus Rumänien

Welch ein Kontrast zwischen Iasi und Chisinau! Iasi wirkt ‘renovierter’ und schmutziger zugleich. Der Kulturpalast im Zentrum frisch renoviert und geradezu prachtvoll; eine Freitreppe die in einen Park mit einer Kunsteisbahn führt. Rechts davon eine kleine open-air Bühne. Tolle Kirchen. Kleine Marktstände. Traumhafter Sonnenschein. Dann (leider) die Shopping-Mall. Alle sind sie hier versammelt, von Deichmann über H&M, Bershka, Calvin Klein, C&A usw. usw. Die gleiche Werbung, die gleiche Musik – ich könnte gerade in jeder x-beliebigen Stadt in Europa sein. Stephan entdeckt eine Weinbar mit Namen ‘Miraval’. Mein Beuteschema wäre sie nicht gewesen: zu trendy, zu hipp, zu künstlich. Irren ist menschlich: wir werden diese stylische Weinbar für die nächsten Stunden nicht mehr verlassen und für eine kurze Zeit den Krieg vollkommen vergessen.
Stephan lässt sich die Weinkarte kommen und schlägt einige Franzosen vor. Ich bin derweilen in die Seite mit den rumänischen Weinen vertieft, von denen ich Null Ahnung habe. Jedoch tauchen hier wieder sorgsam bekannte Namen wie Feteasca und Saperavi auf. Stephan bestellt einen Sancerre aus 2018. Diesmal irrt er.
Wir versuchen noch den Sancerre irgendwie schön zu reden; ja mit Luft bekommt er wieder etwas Leben. Dann ordert Stephan den nächsten Franzosen. Kork. Weiter geht’s mit ‘Vive la France’: Stephan verkostet und stellt unverzüglich den Totenschein für diesen Wein aus. Crisi, der Sommelier, hatte in der Zwischenzeit Spitz bekommen, dass wir ‘Deutsche vom Fach sind’ und zeigt uns viele Etiketten aus Rumänien, insbesondere aus Transsylvanien. Wir starten mit einem blitzsauberen Sauvignon Blanc vom Weingut Liliac. Blind hätte ich diesen aufgrund der Grasigkeit nach Neuseeland gesteckt. Der nächste Sauvignon Blanc von Strunga aus Dealurile Pârjolita (50km westlich von Iasi) ist eine Limited Edition aus 2020. Kein Holz gesehen, dabei von einer Dichte und Cremigkeit, dass er Holz gesehen haben muss. Crisi ruft den Winzer an: kein Holz! Unfassbar gut, dieser Wein. Ein Sauvignon auf höchster Eleganz. Crisi hat uns nun an der Angel – und mit großem Stolz haut er uns einen Bio-Feteasca Neagra mit 16% Vol. um die Ohren. Aus Transsylvanien. Ich erwarte Marmelade pur, Stephan ist auch maximal skeptisch. Und dann kommt dieser Wein mit einer Kühle und Eleganz, dass es uns die Sprache verschlägt. Wie ist so etwas möglich? Fiese Tricks oder magische Hände? Wir sind hin-und-weg und ich lasse meine Kreditkarte glühen. (Anmerkung: hier zu Hause im Büro recherchiere ich, dass bei diesem Wein der französische Önologe Philippe Cambie die magischen Hände im Spiel hatte. Cambie ist im Dezember 2021 mit nur 59 Jahren verstorben. Er gilt an der südliche Rhone als Legende. Robert Parker hat 15 seiner Weine mit 100/100 Punkten ausgezeichnet. Jetzt wird mir klar: der Wein war wirklich eine Ikone!)

Tag 5: Die Ausreise

In der Nacht heulen weder die Wölfe, der Kollege vom Vortag liegt auch nicht dösend vor dem Fenster. Ist ja auch keine Sonne da. Wir checken aus und fahren zum x-ten Mal Richtung Flughafen. Unser Reisebüro hat uns bereits digital eingecheckt, der QR-Code mit Flugnummer und Sitzplatz leuchtet erwartungsfroh auf dem Handy-Display. Wir sind extrem früh am Flugplatz, was sich aber als goldrichtig erweisen soll. Hier ist heute deutlich mehr ‘Verkehr’, viele Menschen mit großen Koffern. Da startet offensichtlich Niemand zu einem ‘nicen’ und sorgenfreien Wochenendtrip…
Wir versuchen mit dem QR-Code einzuchecken, werden aber sofort an die Schalter verwiesen: das Lesegrät verarbeitet nur die QR-Codes, die zuvor manuell als Bordkarte ausgedruckt worden. Lange Schlangen am Schalter, weil viele Familien mit mächtig Gepäck ausreisen möchten. Gefühlt muss das EDV-System nach jedem Gepäckstück neu gestartet werden. Ich tippe auf Windows 95 oder früher. Frauen mit kleinen Kindern und Jugendlichen und evt. noch die Großeltern. Männer zwischen 18 und 60 Jahren dürfen ja seit Freitag nicht mehr die Ukraine verlassen. Zerrissene Familien, die immer wieder whatsapp Nachrichten austauschen. Viele Tränen. Als Familienvater zerreisst es mir das Herz: mein Sohn und ich müssten in vergleichbarer Situation zurückbleiben, meine Frau und unsere 2 Töchter würden ins Ungewisse ausreisen. Wut, Ohnmacht, Fassungslosigkeit.
Endlich halte ich die Bordkarte aus dem Nadeldrucker in der Hand und passiere den Eingang zum Sicherheitscheck. Irgendwas piept in der Schleuse immer, mal bin ich zu schnell, mal zu langsam. Beim dritten Versuch dann auf Socken – und das Gerät ist dann endlich still.
Ich bin  am Gate!
Beim Gang zum Boarding taste ich nach meinem Personalausweis und finde ihn nicht mehr. Wird schon irgendwo sein. Ist er aber nicht. In der Ferne sehe ich etwas auf einem Stuhl im Wartebereich blinken. Ungefähr so in bundesdeutscher Perso-Größe. Schwein gehabt!
Wir sitzen im Flieger. Noch nie fand ich das ‘Willkommen an Bord!’ einer Stewardess so wundervoll wie in diesem Moment. Wir heben ab Richtung Wien.
Der Flieger schwebt wieder über den Neusiedler See ein. Ein Blaufränkisch Rosé von Pia Strehn kommt wir jedoch diesmal nicht in den Sinn.
Obwohl wir nur Transitreisende sind und bereits bis auf Socke und Unterhose gefilzt wurden, erneuter Sicherheitscheck in Wien. Mittlerweile habe ich das Gefühl, die Detektoren schlagen sogar bei Mikroplastik und Bartstoppeln an. So gerade schaffe ich es noch in den Flieger, viele meiner KollegInnen nicht.
Landung in Frankfurt. Der Frankfurter Flughafen ist sehr groß. So groß, dass der Airbus nach dem touch-down überhaupt nicht bremst sondern die gefühlten 20 Kilometer bis zum Gate einfach ausrollt. Verrückt.
Noch 45 Minuten bis mein ICE abfährt. Bei den Distanzen am Airport evt. ‘sportlich’. Ich brauche knapp 50 Minuten (!)  bis zum Gleis und überlege gerade ernsthaft ob der Flieger nicht die facto in Frankfurt/ Hahn gelandet war und ich gerade zu Fuß aus dem Hunsrück komme. Zum Glück (für mich) hat der ICE Richtung Dortmund mit Halt in Siegburg und Köln Verspätung. Nach der 3. Verlängerung der Verspätung wird der ICE komplett annulliert. Für mich nicht weiter tragisch, fährt doch in 20 Minuten von Gleis 6 ein weiterer ICE ohne Zwischenstopp nach Bonn/ Siegburg. Die anderen Fahrgäste verlassen frustriert das Gleis. 3 Minuten später fährt der annullierte ICE ein. Satire pur!
Stephan ‘the lucky one’ hatte Glück mit dem Alternativflug der Lufthansa ab Wien Richtung Frankfurt und sitzt nun neben mir im ICE. Das Adrenalin der letzten Tage fällt langsam ab. Die Knie schlottern. Verabschiede mich von Stephan in Siegburg und freue mich bereits auf unsere nächste (Abenteuer-) Tour. Wir verabreden, die Erlebnisse in einem Podcast nach zu bearbeiten.

Epilog:

Es sind nun 14 Tage seit der Reise vergangen. Das Verfassen des Reiseberichts zieht sich wie Kaugummi. Den podcast haben wir auch noch nicht eingesprochen. Keine Nachrichten von den Winzern oder den Offiziellen. Das Ganze wirkt wie eine unwirkliche Zäsur. Wir persönlich hatten ja -bis auf ein paar nebensächliche Unannehmlichkeiten- eine sichere Ausreise. Aber die Bilder aus der Ukraine, den flüchtenden Menschen nach ihrer Ankunft in den benachbarten Ländern wie Polen, sind unerträglich. Das ‘kleine Moldau’ hat inzwischen fast 240000 flüchtende Nachbarn (Stand 6. März) aufgenommen; das entspricht 10% der eigenen Bevölkerungszahl. US-Aussenminister Blinken hat Präsidentin Maia Sandu in Chisinau besucht. Ich glaube, sie ist der Fels in der Brandung in dieser Situation. Ich lese, dass die Winzer aus der Ukraine (!!!) weiterhin planen, an der ProWein im Mai in Düsseldorf teil zu nehmen. Eigentlich unvorstellbar, aber ich verneige mich vor dem Mut und dem Willen dieser Menschen. Ich hoffe bald wieder Kontakt zu den Winzern in Moldau zu finden; das Alles darf ja nicht ‘für die Katz’ gewesen sein. Der worst-case ‘Russland macht auch vor Moldova nicht halt’ darf schlichtweg nicht eintreten. Ich träume eher von dem ‘best case’ Szenario: unter der Politik von Maia Sandu könnte Moldova in 10-15 Jahren eine ähnliche Entwicklung nehmen, wie bspw. die baltischen Staaten.
Die Weine aus der Republik Moldau (und der Region Moldau/ Rumänien) haben mich komplett überzeugt. In der Spitze ein Niveau wie bspw. ein Brunello, ein Priorat oder ein Chateauneuf-du-Pape aus den oberen Ligen. Auch an der Ausstattung und am Design gab es nicht ein Fünkchen auszusetzen. Mehr noch: hier sind überwiegend einheimische Designer und Grafiker ‘am Start’, was dazu führt, die Binnen-Wirtschaft anzukurbeln und ein Abwandern zu verhindern.
Übrigens: im am ersten Wochenende im Oktober ist Weinfest in Chisinau. Berichten zufolge muss dies nicht weniger als geradezu sensationell sein. In diesem Jahr wird dies der 1. und 2. Oktober 2022 sein. Man wird ja noch träumen dürfen ;-)

Nachtrag von Ende März: der Projektträger hat das Projekt quasi ‘über Nacht’ beendet. Aktuell werden hier aktuell keine Perspektiven gesehen. Ich schaue mal, ob ich hier ‘eigeninitiativ’ im Rahmen der ProWein organisieren kann. Es wäre schlichtweg zu schade dieses Potential ungenutzt zu lassen.

Zur Galerie ‘Chisinau’
Das Nationalmuseum.
Im 'Central Park' ist Ende Februar immer noch weihnachtliche Stimmung.
Chisinau bei Nacht - die Kathedrale 'Geburt des Herrn'.
Saperavi - ein Juwel unter den Weinen.
Ein Hauch von Frühling, einen Tag bevor sich die Welt auf den Kopf stellte.
Die moderne Aufmachung täuscht: der Wein ist aus der Weinlese 1988!!!
Milestii Mici tanzt komplett aus der Reihe - schön, dass es so etwas noch gibt!
1988er Traminer, am 11.01.22 auf die Flasche gefüllt. Ist das verrückt, oder ist das verrückt?!?
Badboys? Wir? Niemals!
Herzhafte Vorspeisen im 'Taifas'. Der 'Lardo' Weltklasse!!!
On the way to Chisinau!
Im Weingut 'Carpe Diem' der Familie Luca.
Iasi ist recht nahe an Chisinau - die Ukraine aber auch :-(
Am Grenzübergang Moldau Richtung Rumänien: die Ukrainer versuchen sich wie wir in Sicherheit zu bringen.
Die unterirdischen Tunnel des Weingutes ‘Cricova:
Unterirdisch: einer der zahlreichen Veranstaltungs- und Konferenzräume im Tunnelsystem von Cricova. Hat was von Sponge Bob...
Geradezu Putinesk: lange Tafel für 30 Personen bzw. ein Präsidenten 'allein zu Hause'. Wir sind immer noch 'unter Tage'...
Hoffentlich schon beschlagnahmt!
Diesen Namen wollen wir am heutigen 24. Februar 2022 ganz bestimmt nicht lesen...
Raritäten aus Frankreich. Camenbert inklusive!
Kann zu dem Jahrgang nix sagen, müsste ich zuvor probieren ;-)
1938er Latour - zur Sicherheit 2 Flaschen, wenn die eine 'Kork' hat...
Italien mit 1936er Marsala - der ist garantiert ein Traum!
Über zahllose Gänge verteilt finden sich diese Raritätenfächer. 15° Cel. 90% Luftfeuchte. 24/7 an 365 Tagen im Jahr.
Die Hall of fame, inklusive sympathischen Menschen und das andere Extrem...
Bevor es Etiketten gab, war die Flaschenform das eigentliche Etikett.
Relikt aus Sowjet-Zeiten.
Ebenfalls im Tunnelsystem: eine Kapelle.
Leider aufgrund besonderer Ereignisse heute nicht in der Stimmung...
... and peace, mehr wünschen wir uns an diesem 24. Februar 2022 nicht.
Unter der Erde im Tunnelsystem des Weingutes Cricova im gleichnamigen Ort.
Der Stopp in Rumänien und die Ausreise
Sieht aus wie ein Wolf, heult wie ein Wolf. Tankt gerade Vitamin D.
Der Internationale Airport von Iasi am Abend um 20:00 Uhr...
Traumwetter in Iasi. Im Sommer bestimmt noch eine Ecke spektakulärer...
Reinigung der Spiegel für die Generation 'Insta' ;-)
Die Generation 'Insta' :-)
Eine Ikone von einem Wein!
Crisi, der Sommelier vom 'Miraval' und mein Kollege Stephan von der Mack & Schühle AG.
Crisi in seinem Element.
Crisi imer noch im Element. Die Person im Hintergrund mit garantiert ,mikrofaserfreier Mütze. Vegan? Nächstes Bild bitte...
Hoffentlich wirklich das Ticket 'nach Hause'.
Die Richtung stimmt schon mal: Westen!
Wenn's gut läuft bin ich von FFM in 33 Minuten in Siegburg :-)
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