Sangiovese. Einfach. Lecker

Ich bin ein grosser, leidenschaftlicher Fan der italienischen Rebsorte Sangiovese. Wir beide sind sozusagen zusammen groß geworden, wobei das ‚Blut des Jupiters‘ – so die Bedeutung des Namens – natürlich viel älter ist. Wurde die Sorte bereits von den Etruskern oder Römern vor 2000-2500 Jahren angebaut? Ein urkundliche Erwähnung findet sich im 16. Jahrhundert in der Toskana. Somit ist die Rebsorte mindestens 400 Jahre alt. Diese urkundliche Erwähnung gibt direkt einen Hinweis auf ihre Verbreitung: ‚Heimat‘ ist die Toskana, wobei man nicht die benachbarten Regionen wie die Romagna nördlich und die Marken östlich vergessen darf.
Wie es bei Pflanzen nun mal so ist, hat sich in Jahrhunderten eine veritable ‚Sangiovese-Großfamilie‘ durch natürliche Mutation und Züchtung ergeben. Somit: DIE Sangiovese als singuläre, eindeutige Rebsorte gibt es nicht. Wir haben den ‚Chianti-Klon‘ (wobei auch dieser selbst eine Grossfamilie hat…), den Klon der Romagna, den Brunello-Klon (Sangiovese Grosso) und auch den Prugnolo Gentile (Vino Nobile). Manchmal eng verwandt, häufig aber auch komplett unterschiedlich. Der Chianti Klon hat mehr eine Note von Sauerkirsche, der Prugnolo kommt mit eindeutiger Pflaumennote um die Ecke. Brunello häufig etwas weicher, Chianti etwas härter. Interessant ist, dass Sangiovese extrem auf Boden und Klima reagiert – und diesen Einfluss sensorisch sehr stark interpretiert. Das macht Sangiovese genauso interessant wie wenig eindeutig greifbar. Die Rebsorte ist eher von wenig kräftiger Farbe, geht mit Reife auch gerne schnell ins Ziegelrote. Wer ‚tiefdunkelrot-Primitivo-Style‘ bevorzugt, sollte also besser einen großen Bogen um die Rebsorte machen. Auch sind die kräftige Säure und das packende Tannin sehr typisch. Oder waren es…
Sangiovese und der Klimawandel
Im letzten Jahrtausend gab es häufiger Jahrgänge, wo der Sangiovese nicht komplett reif wurde. Spröde Gerbstoffen, knackige Säure. Hier brauchte es dann definitiv eine Mikrooxidation im Holzfass, damit die Weine weicher und runder wurden. Nur: in den letzten 20 Jahren gab es meines Wissens nicht einen einzigen Jahrgang, der zu kalt oder zu nass war. Mit anderen Worten: gelesen wurden stets phenolisch komplett ausgereifte Trauben, ohne jegliche Härte oder ‚Kante‘. Lege ich diese vollreifen Weine ins Holzfass ‚um sie zu reifen‘, passiert fatalerweise Folgendes: die Weine altern bzw. überaltern. Sie verlieren Frische, die Gerbstoffe des Holzes machen die Weine bitter und rußig im Geschmack.
Sangiovese. Einfach und geradeaus
Es mag verrückt klingen, aber: mir machen gerade die Sangiovese am meisten Freude, die schlichtweg aus dem Stahltank oder aus dem Zementtank stammen. Preislich stehen diese niemals an der Spitze der Pyramide: für Brunello ist bspw. eine mehrjährige Reife im Holzfass per Disziplinar vorgeschrieben, wenn er als Brunello DOCG für ‚eckig Geld‘ auf den Markt möchte. Ein Chianti Classico müsste per Weingesetz nicht zwingend im Holzfass ausgebaut werden, jedoch verzichtet m.W. nahezu kein Winzer auf den Ausbau im Holzfass. Und zwar aus einem einzigen Grund: ‚Holzfass‘ wird immer noch als ‚Mehrwert‘ oder höherwertig verkauft. Ob das jedem Wein immer gut zu Gesicht steht, interessiert nicht.
So muss man schon in die ‚Niederungen‘ abtauchen: ein Chianti DOCG (also ohne ‚Classico‘) war früher der ‚Billo-Wein‘. Heute findet man dort zum Teil traumhafte, ehrliche Sangiovese in Reinkultur. Das Chianti-Konsortium (ohne Zusatz ‚Classico!) hat in den letzten 10 Jahren extrem exzellente Arbeit geleistet, so dass der Absatz von Chianti DOCG im kriselnden Weinmarkt eine komplette Ausnahme ist. Findet das Konsortium des Chianti Classico DOCG (die mit dem ‚Gallo Nero‘) übrigens überhaupt nicht lustig ;-)
Uggiano – Chianti DOCG 2023
Die Kellerei Uggiano ist breit in der Toskana aufgestellt: es gibt Chianti, Chianti Classico, auch Riserva, es gibt natürlich das obligatorische Weingut in der Maremma mit den Supertuscans. Und doch ist der einfache Chianti ‚Roccialta‘ quasi die Bank des Weingutes. Klassischer Verschnitt aus Sangiovese und etwas Canaiolo. Brutal sortentypisch, brutal ehrlich, brutal zupackend und lecker zugleich. Charakter, ohne zu überfordern. Immer authentisch. Null Holz, nur im Zementtank gereift, weil: die Trauben waren ja bereits komplett ausgereift!
Die schönsten Abende & Runden hatten wir stets mit diesem Chianti. Und zum Glück gibt es diesen Wein sogar in der Magnum. Eigentlich für die Gastro im ‚offenen Ausschank‘ gedacht – aber die quälen die Gäste ja lieber mit Primitvo mit 19-20g Restzucker/ Liter. Und wundert sich, dass der Gast nach dem 2. Schluck satt ist… Die Magnum hingegen haben wir immer geleert. Mindestens eine…
Und um für diesen Chianti mehr als 10 Euro auszugeben, muss man auch wirklich zur Magnum greifen. Die normale 750ml Flasche kostet nur einstellig. Verrückt!
Il Conte – Donello Sangiovese IGP
Bei diesem Wein sind wir in der Region Ascoli Piceno, haben also die Toskana verlassen und befinden uns in den Marken an der Adriaseite des Apennin. Hier gibt es den Rotwein ‚Rosso Piceno DOC‘, der traditionell ein Blend/ Verschnitt aus den beiden Rebsorten Sangiovese und Montepulciano sein muss. Sobald man sich als Winzer für eine reinsortige Variante, sei es aus Sangiovese oder Montepluciano entscheidet, ist man raus aus der DOC. Die darunter liegende Stufe nennt sich IGP, früher IGT. Was aber eigentlich nichts über die Weinqualität aussagt…
Das Weingut ‚Il Conte Villa Prandone‘ der Familie de Angelis macht nicht einen einzigen Wein, wo ich gleichgültig mit der Schulter zucken würden. Rot wie weiss, Rosé, Sekte – alles tippi-toppi. Persönlich mag ich den ‚Donello‘ als Sangiovese aus dem Stahltank sehr. Das Verrückte: hier ist der Klon ‚Prugnolo Gentile‘ am Start, also genau der Klon, der im toskanischen Ort Montepulciano für u.a. Vino Nobile verwendet wird. Hier schmeckt man auch wunderbar die Pflaumennote heraus, der Wein ist saftig und bringt einen formidablen Speichelfluss. Was soll ich sagen: Sangiovese als guter, leckerer Freund. Mehr braucht es nicht!


