Fluch oder Segen?
Dies ist ein ’stinknormaler‘ Chianti. Stinknormal?
Ja, lange wurde diese ‚generische‘ DOCG Chianti eher abschätzig betrachtet. Das Chianti-DOCG-Gebiet erstreckt sich über weite Teile der Toskana und umfasst die Provinzen Florenz, Siena, Arezzo, Pisa, Pistoia und Prato. Hier versammelte sich alles, was nicht in den ‚edlen‘ Unterzonen wie Colli Fiorentini, Colli Senesi, Rufina oder natürlich ganz besonders: Chianti Classico in Flaschen gefüllt wurde.
Aber mal unter uns: wer ausserhalb der Weinfreaks kennt die Zonen Colli Arentini, Colli Pisane etc.? Bekannt ist der ‚Classico‘ mit dem Schwarzen Hahn als Banderole – und das war’s.
Ganz kompliziert wird es dadurch, dass die Gebietsgrenzen zwischen den einzelnen Subzonen historisch sind, damit aber nicht komplett logisch. Sprich: diesseits des Weges kann es noch ‚Classico‘ sein, jenseits ist es dann nur noch ‚Chianti DOCG‘. Ob das der Rebstock so genau weiß?
Ich bin ‚Team Segen‘: noch nie war generischer Chianti DOCG so gut wie heute!
So ist er, der einfache Chianti:
Das Disziplinar schreibt mindestens 60% Anteil Sangiovese vor. ‚Internationale‘ Sorten wie Cabernet, Merlot und Co. dürfen maximal 15% beitragen. De facto besinnen sich jedoch viele Winzer wieder auf den historischen Mix, wo Sangiovese, Canaiolo und Colorino prägend waren. Weisse Sorten wie Trebbiano oder Malvasia hingegen sind seit gut 50 Jahren nicht mehr erlaubt.
Durch die Rückbesinnung auf die ‚DNA Sangiovese‘ und dem Eindämmen der internationalen Sorten ist meines Erachtens der Chianti wieder unverwechselbarer geworden. Oder anders: hier erkennt man fast blind, wo der Wein herkommt.
Das Klima und das Holzfass
Auch in der Toskana ist es heisser geworden. Mir ist in diesem Jahrtausend nicht ein einziger Jahrgang bekannt, wo der Sangiovese nicht voll ausreifen konnte. Es passiert eher das Gegenteil: es wird ein Problem nicht überreif ernten zu müssen und Weine ohne Frische zu produzieren. Somit braucht der Chianti in der Konsequenz eigentlich keine weitere oxidative Reifung, wie sie in Holzfässern erfolgt. Viele Winzer haben dies erkannt und lagern den Wein nur noch in Edelstahltanks oder Zementtanks. Das bewahrt Frische. Wer schon mal ‚müde‘ Riserva-Weine probieren musste, weiss sicherlich was ich meine: der Wein schafft es häufig nicht mehr einen Gegenpart zu den wuchtigen Holzaromen zu liefern.

